Mit
OtGO, den ich 2012 in Berlin kennen gelernt und in seinem Studio
besucht hatte, vereinbarte ich 2013 ein Ausstellungsprojekt für das
artlabmannheim, um seine Bilder der Jahre 2012/13 zu präsentieren. Die
Werke eröffneten mir eine ganz neue Sicht auf die Weite und
Natürlichkeit von Welt, wie ich sie in der Kunst des Westens so nicht
kannte. Im Jahr 2014 besuchte ich gemeinsam mit dem Künstler zum ersten
Mal die Mongolei. Die Wege führten mich in viele Künstlerateliers, zu
einem Interview mit Jargal de Facto und bei weiteren Besuchen zur Vorbereitung des ersten Auftritts der Mongolei auf der Biennale Venedig
Ich hatte zudem das Vergnügen, bei meinen verschiedenen Reisen im
Tuushin Hotel zu wohnen und bei dieser Gelegenheit konnte ich jeden Tag
das überdimensionale Gemälde von OtGO im Eingangsbereich des Hotels zu
betrachten. Ich war von der unbändigen Kraft und Energie des Bildes,
von der virtuosen Bewegungsstruktur und dem dichten Ineinandergreifen
von Tieren, Menschen und Natur sehr beeindruckt.
OtGO
beginnt seine Malerei stets mit einer Art Vorspiel: Einer
koloristischen Grundierung, großformatigen Figuren, bisweilen
Vorarbeiten mit Händen und Füssen. Der eigentliche Beginn des Bildes
erfolgt dann nach einem meditativen Abwarten mit den ersten intuitiv
gesetzten Details, miniaturhaften Figuren, Figurengruppen, Tieren,
Pferdegruppen, Pflanzen. Seine Malerei fließt ihm aus der Hand,
entfaltet sich auf der Leinwand, ohne Perspektive oder Zentrum, ähnlich
der Malerei der Aborigines, die ihre Bilder und anderen Ausdrucksformen
auf der Basis ihrer ‘Songlines‘, extensiven Erinnerungsspuren
zahlreicher Generationen, intuitiv gestalten. OtGO verteilt seine
mikrokosmischen Elemente wie ein Strukturnetz auf der Leinwand. Das
Bild wird nicht gemalt, sondern es wächst, wie die Natur selbst, es
verändert sich, ohne genaue Zielrichtung und es entwickelt sich aus
einem schöpferischen Drang heraus, einem ‘élan vital‘, wie es Henri
Bergson ausgedrückt hätte.
OtGOS
Bilder haben keinen Anfang und kein Ende. Ihre Bildstruktur ist dem
Prinzip des ‘All-Over‘ der Werke Jackson Pollocks vergleichbar, der
fast ausschließlich auf dem Boden malte, die Leinwand stets von allen
Seiten betrachtete und bearbeitete. Vielleicht verwendet OtGO deshalb
öfter den Begriff des Unendlichen, um das Bild als einen Ausschnitt aus
einem großen Ganzen, einem bildnerischen Universum zu begreifen.
So
ist auch sein überdimensionales Werk im Tuushin Hotel in Ulaanbaatar zu
betrachten: Ein Ausschnitt aus dem großen Fluss der Zeit, der
Weltgeschichte, der Natur, der Genesis und dem schöpferischen Werden
unserer Welt. Kaum zählbare Massen von Pferden, verdichtet zu
unzähligen Kürzeln, verteilen sich wie Bienenschwärme auf der
hochformatigen Leinwand, schlängeln sich wie Drachenfiguren des
chinesischen Neujahrsfestes durch verschiedenfarbige Bildzonen, die in
ihrer Farbigkeit an Landschaften, Gebirge, Meere, Wälder oder die
endlosen Steppen der Mongolei erinnern. Pferde als Ursymbole
natürlicher Kraft in der Mongolei, als Symbole der Freiheit und
gleichzeitig als Partner des Menschen, die ihm bei der Erkundung der
Welt und dem Aufbau der Zivilisation als engste Freunde begleitet
haben, werden zu der Magma, zur Golem-Masse des Einklangs von Mensch
und Natur. OtGO zeigt in einer Synthese Ursprung und hoffnungsvolle
Zukunft einer Welt, in der der Mensch die Natur nicht ausbeutet,
sondern sie als seine Partnerin und erkenntnisstiftende Quelle begreift.
„TUUSHIN“
ist eine Art „Paradiesbild“. Menschen und Tiere sind miteinander
biomorph verwoben und zu einem panoramaartig verdichteten, lebendigen
Kosmos gestaltet. Mensch und Tier verschmelzen im Bild zu einer
farbenfrohen Gesamtkomposition, ähnlich einem Spiegelbild der
harmonieorientierten mongolischen Kultur. Mit ihrem einzigartigen
bewegungs-suggestiven Ausdruck prägen die Bilder von OtGO in unserem
Bewusstsein ein archetypisches Bild vom Einklang zwischen Mensch und
Natur.
Dr. Rolf Lauter
Am 3. Oktober 2022, New York City, USA