OtGO: Der Boden als Ort der Erinnerung
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--  The text in English --



Regina Esquenazi Levy


Slavery Narratives: The Atlantic slave trade & The Native Americans  by OtGO 2013–2023, acryl on canvas 215 x 1000 cm
OtGO (Otgonbayar Ershuu)
Slavery Narratives: The Atlantic Slave Trade & The Native Americans, 2013-2023
Acrylic on canvas, 215 x 1.000 cm



Im Jahr 1950 fotografierte und filmte Hans Namuth Jackson Pollock, während dieser auf dem Boden seiner Scheune in Springs malte. Die Aufnahmen offenbarten eine neue Art der Auseinandersetzung mit der Leinwand: Anstatt vor einer Leinwand zu arbeiten, bewegte sich Pollock um sie herum, beugte sich über die Fläche und näherte sich ihr von allen vier Seiten. Pollock erklärte, dass er sich durch die Arbeit auf dem Boden dem Gemälde näher fühlte. 1952 beschrieb der Kritiker Harold Rosenberg die Leinwand als eine Arena für Aktionen. Mitte der 1950er Jahre radikalisierte Kazuo Shiraga, Mitglied der japanischen Gutai-Gruppe, diese physische Beziehung zum Material noch weiter: Er malte mit den Füßen, während er an einem Seil über den auf dem Boden ausgebreiteten Leinwänden hing. OtGO teilt diesen physischen Ansatz der Malerei, wenngleich er angibt, sich nicht auf andere Künstler bezogen zu haben. In „Slavery Narratives" erhält der Boden eine neue Bedeutung: Er wird zu einem Ort der Erinnerung, an dem das malerische Handeln in den Dienst des Gedenkens gestellt wird.



work in progress – YouTube: https://youtu.be/F_Rr5YlGYRA?si=LvNuKBeKE2i_ffsA




OtGO wurde 1981 in Ulaanbaatar, Mongolei, geboren. Er studierte traditionelle mongolische Malerei und erlernte in buddhistisch-lamaistischen Klöstern die Techniken und die Ikonografie der Miniaturmalerei, bevor er seine Ausbildung an der Universität der Künste in Berlin fortsetzte. Die zwischen 2013 und 2023 entstandene Werkreihe „Slavery Narratives" (Erzählungen über Sklaverei) ging aus seiner Auseinandersetzung mit der Geschichte indigener Völker in Nordamerika sowie dem transatlantischen Sklavenhandel hervor. Er war erschüttert darüber, wie wenig er über diese Geschehnisse wusste, und das Leid der Betroffenen berührte ihn zutiefst. Zudem stellt er die Frage, warum diese historischen Zusammenhänge weitgehend unbeachtet bleiben. Für OtGO ist die Verbindung zwischen diesen Themen keine, die erst künstlich hergestellt werden muss; sie ist bereits in der Geschichte selbst verankert – auch wenn beide Aspekte oft getrennt voneinander betrachtet werden.

Das Gemälde bringt diese Geschichten in einen Dialog, ohne sie als austauschbar darzustellen. Durch menschliche Figuren, Tiere und malerische Spuren veranschaulicht OtGO die Folgen kolonialer Gewalt, ohne dabei eine lineare historische Erzählung liefern zu wollen. Das auf einer flach am Boden liegenden Leinwand entstandene Werk lässt sich als Ebene, als Schiffsraum eines Sklavenschiffs oder als Ort der Erinnerung lesen. Indem der Künstler barfuß über die Oberfläche schreitet, wird das Malen zu einer physischen Begegnung mit dem Boden – und lädt die Betrachtenden dazu ein, sich intensiver mit den Geschichten und menschlichen Erfahrungen auseinanderzusetzen, die das Werk in den Blick rückt.

Die audiovisuellen Aufzeichnungen des Entstehungsprozesses machen die Bildgenese nachvollziehbar. Die schwarze Leinwand liegt auf dem Boden, umgeben von Farbschalen. OtGO beginnt damit, dünne Fäden roter Farbe auf den dunklen Untergrund fließen zu lassen um so Konturen nachzuzeichnen. Es folgen violette Spritzer sowie gelbe Farbakzente. Dann geht er in die Hocke, begibt sich in den Vierfüßlerstand und verteilt die Farben mit seinen Handflächen, Fingern und Füßen. Es entstehen weiße und orangefarbene Wirbel, erdige Rosa- und Ockertöne bilden sich heraus, während zwischen den Farbschichten dunkle Adern des Untergrunds sichtbar bleiben. Über die gesamte Leinwand verteilen sich Handabdrücke in Schwarz, Gelb, Weiß und Rot. Sie fungieren als bildnerische Elemente, die sowohl zum Aufbau der Figuren als auch zur Gesamttextur des Werks beitragen.


work in progress – YouTube: https://youtu.be/m5FUPsXmKNQ?si=XNIwtqtH1WQfXaHr




Im Jahr 1972 veröffentlichte der Kritiker Leo Steinberg in „Artforum" – basierend auf einem Vortrag, den er 1968 im MoMA gehalten hatte – das Konzept der „Flatbed Picture Plane" (flache Bildebene). Damit beschrieb er eine Bildfläche, die als horizontale Ebene konzipiert ist, welche die auf ihr vollzogenen Handlungen aufnimmt und bewahrt. Dieser Ansatz ist für die Betrachtung des vorliegenden Werks aufschlussreich: Die Leinwand von OtGO verbirgt die Spuren ihrer Entstehung nicht, sondern integriert sie in ihre eigene Formensprache. Der Körper hinterlässt eine materielle Spur seines Wirkens, und die Dauer des Prozesses bleibt in das Gemälde eingeschrieben. Die Oberfläche dient hier nicht bloß als Träger einer Darstellung; sie ist zugleich der Abdruck einer lang andauernden physischen Aktivität.


Unter den Figuren in der Komposition sticht das gelblich getönte Gesicht eines älteren Mannes hervor, das durch feine Linien und Farbschichten ausgearbeitet ist. Sein direkter Blick schafft eine unmittelbare Begegnung mit dem Betrachter. „Es ist ein Denkmal für diese Menschen. Die Gesichter sind Porträts von Menschen, die überlebt haben", erklärt OtGO. Er griff auf historische Fotografien zurück, um die Überlebenden darzustellen, und verlieh so Lebensgeschichten, die von Leid und Verlust geprägt sind, ein individuelles Gesicht. An einer anderen Stelle bilden Fingerabdrücke das Fell eines Tieres mit hellen Augen: Die Ansammlung kleiner Abdrücke fügt sich schließlich zu einer erkennbaren Gestalt zusammen.


work in progress – YouTube: https://youtu.be/KRMMbkyS6gU?si=DtEbRvMMGTNfPJkO




OtGO weist jedoch die Vorstellung zurück, sein Schaffensprozess beruhe auf Spontanität. Er erklärt, die Bilder hätten sich bereits lange vor Beginn des Malens in seinem Unterbewusstsein geformt und die Ausführung des Werks sei ein spiritueller Akt gewesen. Diese Auffassung erzeugt eine Spannung gegenüber der gängigen Interpretation des Action Painting, das mit der unmittelbaren Handlung und dem Ereignischarakter der Geste assoziiert wird. Obwohl die Bildoberfläche die visuelle Energie dieser Praxis bewahrt, begreift der Künstler die Malerei als Manifestation eines langwierigen inneren Prozesses. Historische Recherche – gestützt auf Fotografien und Dokumentationen – geht hier eine Verbindung mit einer intuitiven und spirituellen Dimension ein. In den Farbflecken zeigen sich Gesichter, menschliche Körper, Bisons und Schädel: Gestalten, die aus der Materie hervortreten, dabei jedoch auf konkrete Leben und Ereignisse verweisen.

Bisons nehmen in dieser Komposition einen bedeutenden Platz ein. Für zahlreiche indigene Gemeinschaften der Great Plains waren diese Tiere von grundlegender Bedeutung für den Lebensunterhalt und das kulturelle Leben. Ihre massenhafte Bejagung im 19. Jahrhundert trug zur Schwächung ihrer Lebensweisen bei und war mit Prozessen kolonialer Enteignung verknüpft. Indem OtGO Bisons, Schädel und menschliche Körper zusammenbringt, setzt er die gegen Menschen ausgeübte Gewalt in Bezug zur Zerstörung dessen, was die materiellen und kulturellen Grundlagen ihrer Gemeinschaften bildete. Die Verknüpfung der Versklavung afrikanischer Bevölkerungsgruppen mit der Kolonisierung indigener Völker erfordert jedoch, die historischen Unterschiede zwischen beiden zu berücksichtigen.  Das Gemälde bringt diese Geschichten in einen Dialog, ohne dabei ihre Unterschiede zu verwischen.


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Die Dimensionen des Werks sind entscheidend für das Verständnis seines memorialen Anspruchs. Mit einer Länge von zehn Metern sprengt die Leinwand den üblichen Maßstab eines Gemäldes und lässt sich nicht von einem einzigen Standpunkt aus erfassen. OtGO wählte dieses Format, um eine Geschichte sichtbar zu machen, die seiner Ansicht nach nicht hinreichend gewürdigt wird, und um ihr die gebührende Ernsthaftigkeit zu verschaffen. Wenn das Gemälde entlang der Wände installiert wird, richtet sich die Fläche, an der der Künstler zuvor von oben gearbeitet hat, auf und umgibt den Betrachter. Um sie zu erschließen, muss man umhergehen, vor einzelnen Details verweilen und zurücktreten, um die Zusammenhänge zwischen den Figuren zu entdecken. Dies entspricht der Beschreibung des Künstlers, der das Bild als unendlich begreift – so, als würde es über den Rahmen hinaus fortbestehen. Das Werk lässt sich nicht auf einen Blick erfassen; es entfaltet sich erst, während man sich durch den Raum bewegt.

Die intimste Spur findet sich am Ende. Als das Gemälde vollendet war, tauchte OtGO die Finger seiner rechten Hand in schwarze Farbe und hinterließ Abdrücke auf der Leinwand – in Gedanken an die Seelen der Opfer und in der Hoffnung, ihnen ein wenig Trost zu spenden. Seine Überzeugung, dass der Tod des Körpers nicht das Verschwinden der Seele bedeutet, lässt die spirituelle Dimension des Projekts erkennen. Er erklärt zudem, dass die Leinwand – da sie die Spuren seiner Hände und Füße trägt – nicht bloß ein von ihm geschaffenes Werk ist, sondern ein Teil seiner selbst.
 


Das Werk ist Teil eines umfassenderen Rechercheprojekts, zu dem auch das Triptychon „The Galleys of Souls" (2013–2021) gehört. Nach mehr als dreizehn Jahren intensiver Beschäftigung mit diesem Thema, so OtGO, habe er diese Bilder erschaffen müssen, um wieder zur Ruhe zu kommen. Seine Worte verdeutlichen, wie persönlich das Projekt für ihn ist – während das Gemälde selbst weit über seine eigene Erfahrung hinausreicht.

work in progress – YouTube: https://youtu.be/60KpRmBaYJQ?si=9ROCqayeqpdSiYt-




In „Slavery Narratives" existieren die Spuren des Künstlers neben den Figuren, an die er erinnern möchte. Das Gemälde hält einen physischen Prozess fest und bietet zugleich eine Interpretation der Vergangenheit. Doch eine Geschichte sichtbar zu machen, bedeutet noch nicht, dass sie auch verstanden wurde. Indem OtGO körperliche Abdrücke, die Gesichter von Überlebenden und jene Gestalten, die mit der Zerstörung ihrer Gemeinschaften verknüpft sind, zusammenführt, schafft er einen Erinnerungsraum. Dieser lädt die Betrachtenden dazu ein, sich auf das Werk einzulassen und einen zweiten Blick zu wagen. Das Gemälde stellt eine Frage, die über das eigentliche Thema hinausgeht: Wie können wir die Erinnerung an die Leidtragenden wachhalten, ohne ihre Geschichten auf jene Bilder zu reduzieren, durch die wir uns an sie erinnern?


von Regina Esquenazi Levy
Paris, Frankreich 2026



Referenzen

1. Steinberg, Leo. “The Flatbed Picture Plane.” In Other Criteria: Confrontations with Twentieth-Century Art, 61-98. New York: Oxford University Press, 1972.
2. Rosenberg, Harold. The Tradition of the New. New York: Horizon Press, 1959.
3. Beaux Arts Magazine. “Ce que vous ne saviez peut-être pas sur Jackson Pollock.”
(https://www.beauxarts.com/grand-format/ce-que-vous-ne-saviez-peut-etre-pas-sur-jackson-pollock/)
4. OtGO (Otgonbayar Ershuu). Questionnaire by Regina Esquenazi Levy. Email correspondence, 4 October 2026. Material provided by the artist, courtesy of OtGO
5. OtGO (Otgonbayar Ershuu). “Inside the Studio: Behind the Curtain: Origin and Creation of Painting.” YouTube video, 13 May 2021.
https://youtu.be/F_Rr5YlGYRA?si=E8ELucZUdhod20Cd










Regina Esquenazi Levy – Questions: Slavery Narratives


Berlin – Paris
on October 2, 2026

OtGO
(Otgonbayar Ershuu)
Slavery Narratives: The Atlantic Slave Trade & The Native Americans, 2013-2023
Acrílico sobre lienzo, 215 x 1.000 cm


1. What inspired you to create this work, and why did you decide to bring together the histories of Native Americans and the transatlantic slave trade?

I don’t plan an image; the images come to me. That is why I don’t go looking for inspiration. I read non-fiction—I enjoy true stories and history. At one point, I read about the history of Native Americans alongside that of the transatlantic slave trade, and I was astonished at how little I knew about it. I assume there are many people who want to deliberately keep this history invisible. I didn’t link these two tragic fates myself; that connection already existed in history. Unfortunately, however, people tend to discuss these histories separately.


2. Are there any artists, artistic traditions, books, photographs, films, or other references that influenced or inspired this work?

No.
Once that previously unseen story became visible to me, I could not free myself from it; my soul was restless, and I often thought of the strangers who had died such painful deaths. In reality, I am a very calm person. I firmly believe that people never truly die—only their bodies do. The soul exists somewhere; there are no limitations of time or space.
So, starting this painting was not a conscious decision; rather, I had already begun creating these works in my subconscious long before.


3. How do you see the relationship between the spontaneous gestures, dripping, and handprints, and the more figurative elements of the painting?

Because it bears my footprints and handprints, the painting was not merely created by me—it is a part of me.
Since I created it unconsciously, there are no spontaneous gestures involved at all. It was a spiritual act. I am neither white nor black; therefore, I can approach this subject with great neutrality.


4. Could you tell me more about the recurring elements in the composition (the human figures, faces, bison, etc.) What do they represent to you?

It is a monument to these figures. By the way, the faces are portraits of surviving people.


5. Why was it important for you to create the work on such a large scale and surround the viewer with it?

I wanted to make this invisible history visible. It deals with a very serious subject; that is why I chose a large format—so that it would be taken seriously. The image is infinite and seems to continue endlessly beyond the frame.


6. How does this work relate to your broader artistic practice, and what would you like the viewer to feel or take away from it today?

I also created a work with this topic. It's a triptych. "The Galleys of Souls" I want to raise awareness of this story. We should treat this history with respect to ensure that this history is not repeated in any way. After more than 13 years of intensive mission with this topic, now these images are behind me rather than in front of me. I feel that I needed to create them so that my soul could return to a state of calm. I am happy now.


Triptych: The GALLEYS of SOULS by OtGO 2013–2021 acryl on canvas 215 x 1000 cm









Slavery Narratives: The Atlantic slave trade & The Native Americans  by OtGO 2013–2023, acryl on canvas 215 x 1000 cm
Detailed view: Slavery Narratives: The Atlantic slave trade & The Native Americans










Please also look at this picture:
Triptych: The GALLEYS of SOULS by OtGO 2013–2021 acryl on canvas 215 x 1000 cm

















































































































 











































































































































































 







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