OtGO (Otgonbayar
Ershuu)
Slavery Narratives: The Atlantic Slave Trade & The Native
Americans, 2013-2023 Acrylic on canvas, 215
x 1.000 cm
Im
Jahr 1950 fotografierte und filmte Hans Namuth Jackson Pollock, während
dieser auf dem Boden seiner Scheune in Springs malte. Die Aufnahmen
offenbarten eine neue Art der Auseinandersetzung mit der Leinwand:
Anstatt vor einer Leinwand zu arbeiten, bewegte sich Pollock um sie
herum, beugte sich über die Fläche und näherte sich ihr von allen vier
Seiten. Pollock erklärte, dass er sich durch die Arbeit auf dem Boden
dem Gemälde näher fühlte. 1952 beschrieb der Kritiker Harold Rosenberg
die Leinwand als eine Arena für Aktionen. Mitte der 1950er Jahre
radikalisierte Kazuo Shiraga, Mitglied der japanischen Gutai-Gruppe,
diese physische Beziehung zum Material noch weiter: Er malte mit den
Füßen, während er an einem Seil über den auf dem Boden ausgebreiteten
Leinwänden hing. OtGO teilt diesen physischen Ansatz der Malerei,
wenngleich er angibt, sich nicht auf andere Künstler bezogen zu haben.
In „Slavery Narratives" erhält der Boden eine neue Bedeutung: Er wird zu einem Ort der Erinnerung, an dem das malerische Handeln in den Dienst des Gedenkens gestellt wird.
OtGO
wurde 1981 in Ulaanbaatar, Mongolei, geboren. Er studierte
traditionelle mongolische Malerei und erlernte in
buddhistisch-lamaistischen Klöstern die Techniken und die Ikonografie
der Miniaturmalerei, bevor er seine Ausbildung an der Universität der
Künste in Berlin fortsetzte. Die zwischen 2013 und 2023 entstandene
Werkreihe „Slavery Narratives"
(Erzählungen über Sklaverei) ging aus seiner Auseinandersetzung mit der
Geschichte indigener Völker in Nordamerika sowie dem transatlantischen
Sklavenhandel hervor. Er war erschüttert darüber, wie wenig er über
diese Geschehnisse wusste, und das Leid der Betroffenen berührte ihn
zutiefst. Zudem stellt er die Frage, warum diese historischen
Zusammenhänge weitgehend unbeachtet bleiben. Für OtGO ist die
Verbindung zwischen diesen Themen keine, die erst künstlich hergestellt
werden muss; sie ist bereits in der Geschichte selbst verankert – auch
wenn beide Aspekte oft getrennt voneinander betrachtet werden. Das
Gemälde bringt diese Geschichten in einen Dialog, ohne sie als
austauschbar darzustellen. Durch menschliche Figuren, Tiere und
malerische Spuren veranschaulicht OtGO die Folgen kolonialer Gewalt,
ohne dabei eine lineare historische Erzählung liefern zu wollen. Das
auf einer flach am Boden liegenden Leinwand entstandene Werk lässt sich
als Ebene, als Schiffsraum eines Sklavenschiffs oder als Ort der
Erinnerung lesen. Indem der Künstler barfuß über die Oberfläche
schreitet, wird das Malen zu einer physischen Begegnung mit dem Boden –
und lädt die Betrachtenden dazu ein, sich intensiver mit den
Geschichten und menschlichen Erfahrungen auseinanderzusetzen, die das
Werk in den Blick rückt. Die audiovisuellen Aufzeichnungen
des Entstehungsprozesses machen die Bildgenese nachvollziehbar. Die
schwarze Leinwand liegt auf dem Boden, umgeben von Farbschalen. OtGO
beginnt damit, dünne Fäden roter Farbe auf den dunklen Untergrund
fließen zu lassen um so Konturen nachzuzeichnen. Es folgen violette
Spritzer sowie gelbe Farbakzente. Dann geht er in die Hocke, begibt
sich in den Vierfüßlerstand und verteilt die Farben mit seinen
Handflächen, Fingern und Füßen. Es entstehen weiße und orangefarbene
Wirbel, erdige Rosa- und Ockertöne bilden sich heraus, während zwischen
den Farbschichten dunkle Adern des Untergrunds sichtbar bleiben. Über
die gesamte Leinwand verteilen sich Handabdrücke in Schwarz, Gelb, Weiß
und Rot. Sie fungieren als bildnerische Elemente, die sowohl zum Aufbau
der Figuren als auch zur Gesamttextur des Werks beitragen.
Im Jahr 1972 veröffentlichte der Kritiker Leo Steinberg in „Artforum" – basierend auf einem Vortrag, den er 1968 im MoMA gehalten hatte – das Konzept der „Flatbed Picture Plane"
(flache Bildebene). Damit beschrieb er eine Bildfläche, die als
horizontale Ebene konzipiert ist, welche die auf ihr vollzogenen
Handlungen aufnimmt und bewahrt. Dieser Ansatz ist für die Betrachtung
des vorliegenden Werks aufschlussreich: Die Leinwand von OtGO verbirgt
die Spuren ihrer Entstehung nicht, sondern integriert sie in ihre
eigene Formensprache. Der Körper hinterlässt eine materielle Spur
seines Wirkens, und die Dauer des Prozesses bleibt in das Gemälde
eingeschrieben. Die Oberfläche dient hier nicht bloß als Träger einer
Darstellung; sie ist zugleich der Abdruck einer lang andauernden
physischen Aktivität. Unter
den Figuren in der Komposition sticht das gelblich getönte Gesicht
eines älteren Mannes hervor, das durch feine Linien und Farbschichten
ausgearbeitet ist. Sein direkter Blick schafft eine unmittelbare
Begegnung mit dem Betrachter. „Es ist ein Denkmal für diese Menschen. Die Gesichter sind Porträts von Menschen, die überlebt haben",
erklärt OtGO. Er griff auf historische Fotografien zurück, um die
Überlebenden darzustellen, und verlieh so Lebensgeschichten, die von
Leid und Verlust geprägt sind, ein individuelles Gesicht. An einer
anderen Stelle bilden Fingerabdrücke das Fell eines Tieres mit hellen
Augen: Die Ansammlung kleiner Abdrücke fügt sich schließlich zu einer
erkennbaren Gestalt zusammen.
OtGO
weist jedoch die Vorstellung zurück, sein Schaffensprozess beruhe auf
Spontanität. Er erklärt, die Bilder hätten sich bereits lange vor
Beginn des Malens in seinem Unterbewusstsein geformt und die Ausführung
des Werks sei ein spiritueller Akt gewesen. Diese Auffassung erzeugt
eine Spannung gegenüber der gängigen Interpretation des Action Painting,
das mit der unmittelbaren Handlung und dem Ereignischarakter der Geste
assoziiert wird. Obwohl die Bildoberfläche die visuelle Energie dieser
Praxis bewahrt, begreift der Künstler die Malerei als Manifestation
eines langwierigen inneren Prozesses. Historische Recherche – gestützt
auf Fotografien und Dokumentationen – geht hier eine Verbindung mit
einer intuitiven und spirituellen Dimension ein. In den Farbflecken
zeigen sich Gesichter, menschliche Körper, Bisons und Schädel:
Gestalten, die aus der Materie hervortreten, dabei jedoch auf konkrete
Leben und Ereignisse verweisen. Bisons nehmen in dieser Komposition einen bedeutenden Platz ein. Für zahlreiche indigene Gemeinschaften der Great Plains
waren diese Tiere von grundlegender Bedeutung für den Lebensunterhalt
und das kulturelle Leben. Ihre massenhafte Bejagung im 19. Jahrhundert
trug zur Schwächung ihrer Lebensweisen bei und war mit Prozessen
kolonialer Enteignung verknüpft. Indem OtGO Bisons, Schädel und
menschliche Körper zusammenbringt, setzt er die gegen Menschen
ausgeübte Gewalt in Bezug zur Zerstörung dessen, was die materiellen
und kulturellen Grundlagen ihrer Gemeinschaften bildete. Die
Verknüpfung der Versklavung afrikanischer Bevölkerungsgruppen mit der
Kolonisierung indigener Völker erfordert jedoch, die historischen
Unterschiede zwischen beiden zu berücksichtigen. Das Gemälde
bringt diese Geschichten in einen Dialog, ohne dabei ihre Unterschiede
zu verwischen.
Die Dimensionen
des Werks sind entscheidend für das Verständnis seines memorialen
Anspruchs. Mit einer Länge von zehn Metern sprengt die Leinwand den
üblichen Maßstab eines Gemäldes und lässt sich nicht von einem einzigen
Standpunkt aus erfassen. OtGO wählte dieses Format, um eine Geschichte
sichtbar zu machen, die seiner Ansicht nach nicht hinreichend gewürdigt
wird, und um ihr die gebührende Ernsthaftigkeit zu verschaffen. Wenn
das Gemälde entlang der Wände installiert wird, richtet sich die
Fläche, an der der Künstler zuvor von oben gearbeitet hat, auf und
umgibt den Betrachter. Um sie zu erschließen, muss man umhergehen, vor
einzelnen Details verweilen und zurücktreten, um die Zusammenhänge
zwischen den Figuren zu entdecken. Dies entspricht der Beschreibung des
Künstlers, der das Bild als unendlich begreift – so, als würde es über
den Rahmen hinaus fortbestehen. Das Werk lässt sich nicht auf einen
Blick erfassen; es entfaltet sich erst, während man sich durch den Raum
bewegt. Die
intimste Spur findet sich am Ende. Als das Gemälde vollendet war,
tauchte OtGO die Finger seiner rechten Hand in schwarze Farbe und
hinterließ Abdrücke auf der Leinwand – in Gedanken an die Seelen der
Opfer und in der Hoffnung, ihnen ein wenig Trost zu spenden. Seine
Überzeugung, dass der Tod des Körpers nicht das Verschwinden der Seele
bedeutet, lässt die spirituelle Dimension des Projekts erkennen. Er
erklärt zudem, dass die Leinwand – da sie die Spuren seiner Hände und
Füße trägt – nicht bloß ein von ihm geschaffenes Werk ist, sondern ein
Teil seiner selbst.
Das Werk ist Teil eines umfassenderen Rechercheprojekts, zu dem auch das Triptychon „The Galleys of Souls"
(2013–2021) gehört. Nach mehr als dreizehn Jahren intensiver
Beschäftigung mit diesem Thema, so OtGO, habe er diese Bilder
erschaffen müssen, um wieder zur Ruhe zu kommen. Seine Worte
verdeutlichen, wie persönlich das Projekt für ihn ist – während das
Gemälde selbst weit über seine eigene Erfahrung hinausreicht.
In „Slavery Narratives"
existieren die Spuren des Künstlers neben den Figuren, an die er
erinnern möchte. Das Gemälde hält einen physischen Prozess fest und
bietet zugleich eine Interpretation der Vergangenheit. Doch eine
Geschichte sichtbar zu machen, bedeutet noch nicht, dass sie auch
verstanden wurde. Indem OtGO körperliche Abdrücke, die Gesichter von
Überlebenden und jene Gestalten, die mit der Zerstörung ihrer
Gemeinschaften verknüpft sind, zusammenführt, schafft er einen
Erinnerungsraum. Dieser lädt die Betrachtenden dazu ein, sich auf das
Werk einzulassen und einen zweiten Blick zu wagen. Das Gemälde stellt
eine Frage, die über das eigentliche Thema hinausgeht: Wie können wir
die Erinnerung an die Leidtragenden wachhalten, ohne ihre Geschichten
auf jene Bilder zu reduzieren, durch die wir uns an sie erinnern?
von Regina Esquenazi Levy
Paris, Frankreich 2026
Referenzen 1.
Steinberg, Leo. “The Flatbed Picture Plane.” In Other Criteria: Confrontations with Twentieth-Century Art, 61-98. New
York: Oxford University Press, 1972. 2.
Rosenberg, Harold. The Tradition of
the New. New York: Horizon Press,
1959. 3.
Beaux Arts Magazine. “Ce que vous ne saviez peut-être pas sur Jackson
Pollock.” (https://www.beauxarts.com/grand-format/ce-que-vous-ne-saviez-peut-etre-pas-sur-jackson-pollock/) 4.
OtGO (Otgonbayar Ershuu). Questionnaire by Regina Esquenazi Levy. Email
correspondence, 4 October 2026. Material provided by the artist,
courtesy of OtGO 5.
OtGO (Otgonbayar Ershuu). “Inside the Studio: Behind the Curtain:
Origin and Creation of Painting.” YouTube video, 13 May 2021. https://youtu.be/F_Rr5YlGYRA?si=E8ELucZUdhod20Cd
Regina Esquenazi Levy – Questions:
Slavery Narratives
Berlin – Paris on October 2,
2026
OtGO (Otgonbayar
Ershuu)
Slavery Narratives: The Atlantic Slave Trade & The Native
Americans, 2013-2023 Acrílico sobre lienzo, 215
x 1.000 cm
1.
What inspired you to create this work, and why did you decide to bring
together the histories of Native Americans and the transatlantic slave
trade?
I don’t plan an image; the images
come to me. That is why I don’t go looking for inspiration. I read
non-fiction—I enjoy true stories and history. At one point, I read
about the history of Native Americans alongside that of the
transatlantic slave trade, and I was astonished at how little I knew
about it. I assume there are many people who want to deliberately keep
this history invisible. I didn’t link these two tragic fates myself;
that connection already existed in history. Unfortunately, however,
people tend to discuss these histories separately.
2. Are there any
artists, artistic traditions, books, photographs, films, or other
references that influenced or inspired this work?
No. Once that previously unseen story
became visible to me, I could not free myself from it; my soul was
restless, and I often thought of the strangers who had died such
painful deaths. In reality, I am a very calm person. I firmly believe
that people never truly die—only their bodies do. The soul exists
somewhere; there are no limitations of time or space. So, starting this painting was not a
conscious decision; rather, I had already begun creating these works in
my subconscious long before.
3. How do you see
the relationship between the spontaneous gestures, dripping, and
handprints, and the more figurative elements of the painting?
Because it bears my footprints and
handprints, the painting was not merely created by me—it is a part of
me. Since I created it unconsciously,
there are no spontaneous gestures involved at all. It was a spiritual
act. I am neither white nor black; therefore, I can approach this
subject with great neutrality.
4. Could you tell
me more about the recurring elements in the composition (the human
figures, faces, bison, etc.) What do they represent to you?
It is a monument to these figures. By
the way, the faces are portraits of surviving people.
5. Why was it
important for you to create the work on such a large scale and surround
the viewer with it?
I wanted to make this invisible
history visible. It deals with a very serious subject; that is why I
chose a large format—so that it would be taken seriously. The image is
infinite and seems to continue endlessly beyond the frame.
6. How does this
work relate to your broader artistic practice, and what would you like
the viewer to feel or take away from it today?
I also created a work with this
topic. It's a triptych. "The Galleys of Souls" I want to raise
awareness of this story. We should treat this history with respect to
ensure that this history is not repeated in any way. After more than 13
years of intensive mission with this topic, now these images are behind
me rather than in front of me. I feel that I needed to create them so
that my soul could return to a state of calm. I am happy now.
Triptych:
The GALLEYS of SOULS by OtGO 2013–2021 acryl on canvas
215 x 1000 cm
Detailed
view: Slavery
Narratives: The Atlantic slave trade & The Native Americans
Please also look at
this picture:
Triptych: The GALLEYS of SOULS by OtGO 2013–2021 acryl on canvas
215 x 1000 cm